In den Irrgaerten der Katakomben
Date: May 28th, 2009 3:37:27 am - Subscribe
Mood: changed
Bei dem unruhig flackernden Licht der Oellampen sind die rauen Tuffsteinwände des unterirdischen Raumes mit ihren eingelassenen Gräbern nur schwach zu erkennen. Andächtig und gebannt zugleich blickt die Menge auf den ehrwürdigen Greis, der ihr das Wort Gottes vermittelt. Es ist still an diesem Ort des Todes, so still, dass selbst das leiseste Rascheln eines Gewandes hörbar wird. Um so erschreckender wirkt der Warnruf, der plötzlich gellend die gemessene Stimme des Statthalters Petri übertönt: „Die Soldaten kommen!" Fast im gleichen Augenblick poltert eine Gruppe römischer Soldateska mit blankgezogenen Schwertern die Treppe herunter. Die vorher nur unruhigen Lichter zucken jetzt wie in tödlicher Furcht. Schützend drängen sich die Gläubigen vor ihren Bischof und seine vier Diakone. Doch der Bischof duldet es nicht, dass sich andere für ihn opfern. Als die aufgehetzten Soldaten schon zuschlagen wollen, gibt er sich zu erkennen. Er und seine Diakone werden gepackt und über die Tuffsteintreppe ins Freie geschleppt. Dort erleiden sie am 6. August des Jahres 258 den Märtyrertod. Sie werden in der Katakombe beigesetzt.
Dieser Bericht ist das einzige zuverlässige Zeugnis dafür, dass in den Katakomben jemals ein Gottesdienst abgehalten worden ist. In ihnen Behelfskirchen aufgescheuchter Christengemeinden oder heimliche Zufluchtsstätten angstbebender verfolgter Christen zu sehen, beruht auf reichlich phantasievollen Legenden. Denn im Allgemeinen dienten sie, von Totenmessen und Märtyrergedächtnissen abgesehen, einzig und allein dem Zweck, zu dem sie geschaffen wurden: als Friedhöfe. Deren Eigenart allerdings war ganz dazu angetan, die Phantasie mächtig anzuregen.
Comments: (0)
Achte Weltwunder - letzter Abschnitt
Date: May 21st, 2009 5:18:16 am - Subscribe
Nach diesem letzten Höhepunkt seiner Geschichte beginnt das Bergheiligtum unmerklich zu verfallen. Den romanischen Glockenturm vernichtet ein Brand; ein spätgotischer Turm, der ihn ersetzt, wird ebenfalls zerstört und durch einen Turm im klassischen Stil abgelöst. Der romanische Kirchenchor stürzt ein, die ihn tragende Krypta muss erneuert werden. Im 18. Jahrhundert wieder muss aus unerfindlichen Gründen das alte Kirchenportal einer etwas langweiligen klassizistischen Fassade weichen.
Die Französische Revolution endlich besiegelt auch das Schicksal des Mont Saint-Michel. Im Jahre 1790 verlassen die Benediktiner ihre Abtei, die sich bald darauf in ein Gefängnis verwandelt. Hinter den festen Mauern hallen jetzt statt gläubiger Gebete die Klagen oft unschuldig Verurteilter wider. Unter Napoleon dient der ehemalige Revolutionskerker als Zuchthaus. Nur im Kirchenchor werden noch Gottesdienste abgehalten. Napoleons Erben treiben es nicht besser. Unter Louis Philippe schmachten hier etwa 60 politische und 600 andere Gefangene. Später verwendet man die Abtei als Besserungsanstalt. Erst am 20. April 1874 stellt der Präsident der französischen Republik das stark verfallene Bauwerk unter Denkmalschutz.
Heute sieht der Mont Saint-Michel wieder annähernd ebenso aus wie zur Zeit seines größten Glanzes. Nur etwas hat sich geändert: Statt der Pilger strömen jetzt neugierige Reisende auf den Berg. Das Gesamtbild des Berges aber ist einmalig geblieben. Der Felsen selbst erinnert an Helgoland, seine Lage im Meer an Venedig, die Bauten an tibetanische Klöster und die Befestigungsanlagen an den italienischen Berg-Kleinstaat San Marino. Für sich allein genommen ist der Mont Saint-Michel jedoch ebenso unvergleichlich wie jede dieser Kostbarkeiten unseres Erdballs.
Comments: (0)
Achte Weltwunder - Teil 4
Date: May 19th, 2009 6:39:25 am - Subscribe
Diese Bevölkerungsvermehrung zwang wiederum zu neuen Zweckbauten, so dass sich Gebäude an Gebäude reihte. Die Bauten schoben sich förmlich in- und übereinander, bedeckten im Lauf des zwölften Jahrhunderts schon nahezu den ganzen westlichen Abhang des Felsens und drängten sich dann auch nach Norden und Süden vor. Kern und Krönung war die auf dem Berggipfel thronende Kirche. Sie war und ist insofern ein Wunderwerk, als fast nur ihre Vierung, also jener von vier Säulen umschlossene Raum, in dem sich Langhaus und Querschiff überschneiden, auf festem Fels ruht. Den ganzen übrigen gewaltigen Raum tragen die Säulen und Pfeiler der an den Berghängen emporgewachsenen Bauten.
Seinen Beinamen „Wunder des Abendlandes" verdankt der Mont Saint-Michel allerdings einem Bauwerk, das erst im 13. Jahrhundert entstanden ist und seither „La Merveille“ oder „das Wunder“ heißt. Es ist eine dreigeschossige Gruppe mächtiger Säle, die sich an der Nordflanke des Berges etwa bis zur Höhe der Kirche türmen. Zuunterst liegen ein Saal, in dem einst Almosen verteilt und Pilger empfangen wurden, sowie ein ehemaliger Vorratskeller. Das darüberliegende Mittelgeschoß besteht aus einem Gästesaal, der den Mönchen auch als Werkstatt diente, und einem Rittersaal. Im dritten und höchsten Stockwerk endlich liegen das Refektorium, also der ehemalige Speisesaal des Klosters, und daneben ein quadratischer Kreuzgang. Es ist fast unvorstellbar, dass dieser Turm von Sälen, in denen jeweils einige Hundert Personen Platz finden, auf einem verhältnismäßig schmalen Streifen abschüssigen Felsgesteins ruht. Nur einige massige Gegenpfeiler pressen ihn wie eine Riesenhand gegen den Berg, von dem er eigentlich wie ein Schlitten ins Meer abrutschen müsste. Dem Baumeister ist es aber nicht nur gelungen, die Gesetze der Schwerkraft scheinbar aufzuheben, er hat das technische Problem außerdem so künstlerisch vollendet gelöst, dass „La Merveille“ tatsächlich wie ein Wunder erscheint.
Noch während an ihm gebaut wurde, begann ein letzter Abschnitt in der Baugeschichte des Berges, in dem sich seine Hüter darauf beschränkten, ihn militärisch zu befestigen. Bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts schloss sich um die friedliche Abtei allmählich ein Gürtel von Festungsmauern und Laufgängen, Wachttürmen und wehrhaften Sperrtoren. Während des Hundertjährigen Krieges besetzten die Engländer zwar den ganzen französischen Westen, den Saint-Michel aber bezwangen sie nicht. Vergebens landeten sie auf der Nachbarinsel Tombelaine, vergebens belagerten sie den Michaelsberg mit einer Flotte von 20 Schiffen, Normannische und bretonische Ritter zwangen diese Flotte zur Übergabe.
Comments: (0)
Das achte Weltwunder - 3
Date: May 17th, 2009 5:59:02 am - Subscribe
So baute Bischof Aubert von Avranches auf dem Mont Tombe eine grottenförmige Kultstätte. Mönche, Kaufleute und Fischer besiedelten die Insel allmählich. Für den ständig anwachsenden Pilgerstrom erwies sich die Grottenkirche bald als zu klein. Benediktiner, die im zehnten Jahrhundert die Obhut über die Kultstätte übernahmen, begannen deshalb an der Westflanke und auf dem Gipfel des Berges mit dem Bau einer Abtei und einer karolingischen Kirche. Vor etwa einem halben Jahrhundert hat man Reste davon wieder gefunden. Im elften Jahrhundert erweiterte Abt Hildebert dann den Gipfel des Felsens zu einem großen ebenen Baugrund. Er sollte eine noch größere Kirche tragen. Selbst heute, im Zeitalter des freitragenden Stahlbetonbaus, wäre der Gedanke, gewissermaßen auf eine Kegelspitze einen Würfel zu setzen, nicht eben leicht zu verwirklichen. Vor tausend Jahren jedoch, als solche Aufgaben mit einfachsten Baustoffen wie Balken, Steinen und Ziegeln gemeistert werden mussten, war Abt Hildeberts Einfall geradezu verwegen.
Auf die Flanke des Berges baute Hildebert zuerst die Krypta, also jenen Raum, der unter dem Kirchenchor liegt und üblicherweise unterirdisch ist. Auf diese Krypta stützte sich dann der Chor, und vom Chor aus entwickelte sich der Bau über das Querschiff weiter nach Westen. Blitzschlag und Feuer, Einstürze und neu zu berücksichtigende Bedürfnisse unterbrachen dieses Bauvorhaben immer wieder, verzögerten es und warfen es zurück. So wuchs allein die Zahl der Klosterinsassen auf etwa 180 Personen an, und ähnlich nahm die außerhalb des Klosters lebende und von ihm abhängige Inselbevölkerung zu.
Comments: (0)
Weltwunder 2
Date: May 15th, 2009 8:46:56 am - Subscribe
Den Mont Saint-Michel haben Natur und Geist geformt. Ursprünglich war er nur ein kahler und unbewohnter Felsen, der sich inmitten eines unermesslichen Waldes erhob. Seit dem dritten nachchristlichen Jahrhundert soll sich die See vorgeschoben und während der Märzstürme des Jahres 709 in einer großen Flut den Wald endgültig verschlungen haben. Nach einer anderen Ansicht haben Sturmfluten und erdbebenartige Vorgänge zusammengewirkt und das heutige Bild der Küstenlandschaft um den Mont Saint-Michel gestaltet. Eine annähernde Vorstellung davon, wie der Mont Tombe — so hieß der Berg damals — ausgesehen haben mag, vermittelt heute noch der unbewohnte und spärlich bewachsene niedrige Inselberg Tombelaine, der etwa drei Kilometer vom Mont Saint-Michel entfernt aus den Fluten ragt.
Der Name Mont Tombe oder Grabes-Berg geht auf die alten Gallier zurück, die in dem zerklüfteten und von düsteren Wäldern umrauschten Felsen einen geeigneten Wohnsitz für die Seelen der Verstorbenen sahen. Auch späterhin hat der Berg immer wieder ähnliche Ehrfurcht ausgelöst. So errichteten die Römer dort ihre Altäre, ihnen wiederum folgten die ersten christlichen Eremiten, und bald darauf entstanden auf dem Berg die ersten bescheidenen Kultstätten des Christentums. Christlicher Geist und die aus ihm hervorgegangene Kunst haben den Mont Tombe dann endgültig in den Mont Saint-Michel verwandelt.
Mont Saint-Michel heißt der Berg nach dem Erzengel Michael. Die Bischöfe von Avranches, denen die Eremiten auf dem Mont Tombe unterstanden, pflegten sich zuweilen auch in die Stille des 20 Kilometer von ihrem Sitz entfernten Berges zurückzuziehen, um dort zu meditieren. Die Legende besagt nun, dass der Erzengel Michael einem dieser Bischöfe erschienen sei und ihn angewiesen habe, auf dem Mont Tombe ein Heiligtum zu errichten.
Comments: (0)