Achte Weltwunder - Teil 4
Date: May 19th, 2009 1:39:25 am - Subscribe


Diese Bevölkerungsvermehrung zwang wiederum zu neuen Zweckbauten, so dass sich Gebäude an Gebäude reihte. Die Bauten schoben sich förmlich in- und übereinander, bedeckten im Lauf des zwölften Jahrhunderts schon nahezu den ganzen westlichen Abhang des Felsens und drängten sich dann auch nach Norden und Süden vor. Kern und Krönung war die auf dem Berggipfel thronende Kirche. Sie war und ist insofern ein Wunderwerk, als fast nur ihre Vierung, also jener von vier Säulen umschlossene Raum, in dem sich Langhaus und Querschiff überschneiden, auf festem Fels ruht. Den ganzen übrigen gewaltigen Raum tragen die Säulen und Pfeiler der an den Berghängen emporgewachsenen Bauten.
Seinen Beinamen „Wunder des Abendlandes" verdankt der Mont Saint-Michel allerdings einem Bauwerk, das erst im 13. Jahrhundert entstanden ist und seither „La Merveille“ oder „das Wunder“ heißt. Es ist eine dreigeschossige Gruppe mächtiger Säle, die sich an der Nordflanke des Berges etwa bis zur Höhe der Kirche türmen. Zuunterst liegen ein Saal, in dem einst Almosen verteilt und Pilger empfangen wurden, sowie ein ehemaliger Vorratskeller. Das darüberliegende Mittelgeschoß besteht aus einem Gästesaal, der den Mönchen auch als Werkstatt diente, und einem Rittersaal. Im dritten und höchsten Stockwerk endlich liegen das Refektorium, also der ehemalige Speisesaal des Klosters, und daneben ein quadratischer Kreuzgang. Es ist fast unvorstellbar, dass dieser Turm von Sälen, in denen jeweils einige Hundert Personen Platz finden, auf einem verhältnismäßig schmalen Streifen abschüssigen Felsgesteins ruht. Nur einige massige Gegenpfeiler pressen ihn wie eine Riesenhand gegen den Berg, von dem er eigentlich wie ein Schlitten ins Meer abrutschen müsste. Dem Baumeister ist es aber nicht nur gelungen, die Gesetze der Schwerkraft scheinbar aufzuheben, er hat das technische Problem außerdem so künstlerisch vollendet gelöst, dass „La Merveille“ tatsächlich wie ein Wunder erscheint.
Noch während an ihm gebaut wurde, begann ein letzter Abschnitt in der Baugeschichte des Berges, in dem sich seine Hüter darauf beschränkten, ihn militärisch zu befestigen. Bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts schloss sich um die friedliche Abtei allmählich ein Gürtel von Festungsmauern und Laufgängen, Wachttürmen und wehrhaften Sperrtoren. Während des Hundertjährigen Krieges besetzten die Engländer zwar den ganzen französischen Westen, den Saint-Michel aber bezwangen sie nicht. Vergebens landeten sie auf der Nachbarinsel Tombelaine, vergebens belagerten sie den Michaelsberg mit einer Flotte von 20 Schiffen, Normannische und bretonische Ritter zwangen diese Flotte zur Übergabe.
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