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Mirror
Date: Aug 24th, 2006 10:52:50 am - Subscribe
Mood: --
Musik: --

Ein Text, der heute Nacht, ohne noch einmal durchzulesen, entstanden ist. Erinnerungen, wie sie mir zu der Musik gerade gekommen sind. Ich will keine Kritik dazu. Es ist einfach nur ein Niederschreiben von Gefühlen und Erinnerungen. Ob alle Zeiten oder jede Grammatik richtig ist, ist mir egal, also bitte lasst euch nicht über sowas aus.

Musik dazu:
Madonna - Frozen
Black Lab - Gates of the country
Alkaline Trio - Blue in the face
Letzte Instanz - Jeden Morgen
Janus - Scherbengesicht

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Ich sehe dich an.
Schon so lange kenne ich dich. Wie du dich doch in all den Jahren verändert hast. Damals war alles noch anders. Weißt du noch, wie schön es im Kindergarten war? Es war eine Zeit aus Spiel und Kinderfreuden. Ich sehe dich noch über die Wiese laufen, sehe, wie du auf der Schaukel immer höher steigst und mit einem Lachen im Gesicht abspringst. Und alle lachen mit dir. Du siehst noch ihre leuchtenden Augen vor dir. Jeden Tag habt ihr zusammen gegessen, gemalt und Türme aus Legosteinen gebaut. Stolz bist du mit deinen Figuren zu deiner Erzieherin gelaufen und sie hat dich gelobt. Es war alles so einfach.
Und die Grundschule? Erinnerst du dich noch an die Einschulung? Alle waren da. Deine Mutter zu deiner Linken, dein Vater zu deiner Rechten. Und über all die Stuhlreihen hast du deiner Oma, deiner Tante und deinem Onkel zugewinkt. Sie sahen alle so glücklich aus. Du wurdest aufgerufen und bist mit dieser viel zu großen Schultüte nach vorne gegangen ... Der Stolz sprach aus deinem Gesicht. Das Licht der Scheinwerfer hat dich gestreift, als du zu deinen neuen Klassenkameraden gelaufen bist. Du kanntest sie fast alle aus dem Kindergarten.
Es war eine schöne Zeit, nicht wahr? Du bist mit allen ausgekommen, du hattest jeden Morgen einen Grund, um zu lächeln. Kaum einen Tag hast du ohne jemanden an deiner Seite verbracht. Sicher gab es Streitigkeiten, aber die waren alle nach zwei, drei Tagen vergessen. Du könntest mir so viel erzählen. Von gemeinsamen Ausflügen, von den paar wenigen Geburtstagsfeiern in deinem Leben, die dir als schön in Erinnerung geblieben sind, weil es noch die eines Kindes waren. Damals kanntest du keinen Groll, keinen Zorn. Damals hast du nur geweint, wenn du dir dein Knie aufgeschrammt hattest. Und deine Eltern waren immer auf deiner Seite. Dein Vater hat dich für alles gelobt, was du Gutes getan hast. Er hat dich zu einem gewissenhaften Menschen erzogen und bis heute macht es dir nichts aus, dass er dich »Mäuschen« nennt.
Da war dieser große Junge ... erinnerst du dich noch? Du warst in der dritten Klasse und er in der sechsten. Immer, wenn du heimgegangen bist, hat er dich geschubst. Im Winter hat er dir die Mütze vom Kopf gerissen und sie hinter einen Zaun geworfen oder dich festgehalten und dir Schnee ins Gesicht gedrückt. Aber da waren die anderen Mädchen ... Sie haben ihn angeschrien und mit ihren Taschen nach ihm geschlagen. Irgendwann hat er dann aufgegeben. Du warst glücklich, weil da jemand war, der dich verteidigt hat.
Ich sehe dich, wie du am Ende der vierten Klasse dein Zeugnis in Händen gehalten hast. Nur Zweier und Einser. Das fleißige Lernen hat sich ausgezahlt und dein Lachen reichte von einem Ohr zum anderen. Du warst glücklich.
Dann kam die Wende.
Mit deinen Eltern zusammen bist du den Busbahnhof hochgelaufen, auf deinem Rücken noch immer der selbe bunte Schulranzen, den du die gesamte Grundschule über hattest. Er war ziemlich ramponiert, aber du mochtest ihn sehr. Vor dir erhob sich ein kaltes, graues Gebäude. Es war dir egal, dass es so wirkte, denn du hast dich so sehr gefreut, neue Kinder kennenzulernen. Das Licht der Aula blendete dich im ersten Moment und du warst zu klein, als dass du über die vielen Reihen an Eltern und Schülern hättest hinwegblicken können. Du hast ausgeharrt und dich umgesehen. Einige Kinder lächelten, andere wirkten unsicher oder nervös, wieder andere unterhielten sich aufgeregt mit ihren Eltern. Dein Vater hat seine Hand beruhigend auf deine Schulter gelegt und einen Witz gerissen, um dir die Angst zu nehmen.
Irgendwann haben sie deinen Namen aufgerufen und du bist, wie damals in der Grundschule, nach vorne gelaufen und hast dich auf eine der Stufen gesetzt, neben ein paar andere Kinder. Sie sahen dich kurz an, dann beschäftigten sie sich wieder mit sich selbst. Immer mehr nahmen neben dir Platz, doch sie hielten Abstand. Nur ein Mädchen kam zu dir und sagte, es kenne dich aus der Grundschule. Du wusstest nicht, mit wem du es zu tun hattest, aber hast sie angelächelt und sie freudig begrüßt.
Es schien alles so fremd, so anders. Da waren nicht mehr die Menschen, die du aus der Grundschule kanntest. Die riefen dich vielleicht noch drei, viermal an, dann brach der Kontakt ab. Damals hast du das erste Mal an Freundschaft gezweifelt, nicht wahr? Mit den Wochen wurden die Tage weniger, an denen du mit einem Lächeln aufgewacht bist. Die erste Sportstunde ... weißt du noch? Du hattest dein Deo vergessen und die anderen haben es ausgenutzt. Ab diesem Moment war »Du stinkst!« ein Satz, der allgegenwärtig war. Du hast es nicht verstanden. Es war doch nur einmal.
Das Lächeln am Morgen war schnell verschwunden und wurde durch Tränen ersetzt. Du kanntest dieses Gefühl nicht. Du wusstest nicht, wie es ist, über seelische Schmerzen zu weinen. In den ersten Monaten der fünften Klasse hast du dir deinen Panzer geschmiedet und deine Maske geschnitzt. Du hast eine Abwehr gebraucht. Du wolltest nicht, dass sie sehen, wie du weinst.
An einem Tag hast du deine Mathehausaufgaben vergessen und dich aus Scham nicht gemeldet. Deine Lehrerin wollte dein Heft sehen und du bist zögerlich nach vorne gegangen. Wie sich ihr Gesicht veränderte, als sie eine leere Seite vor sich liegen sah. Ihre sonst so ruhige Stimme wandelte sich in ein Brüllen. Du wusstest nicht, wie es ist, derartig angeschrien zu werden. Deine Maske riss ein und du hast hilflos auf den Boden gestarrt, doch sie schrie weiter. Sie knallte dir das Heft vor die Nase und du hast dich wieder gesetzt. Den Spott und das Lachen deiner Mitschüler wolltest du überhören, doch du konntest nicht. Es fraß sich in deinen Kopf.
Das Zeugnis der fünften Klasse bestand nicht mehr aus Einsen und Zweien, nein, wirklich nicht.
Erinnerst du dich an die sechste Klasse kurz vor Pfingsten? Du hattest diese Schmerzen im Bauch und konntest nicht in die Schule. Es war ein Segen, denn dann musstest du nicht in diese Fratzen blicken und statt dem hämischen Lachen hattest du einfach Ruhe. Doch dann musste ein Arzt gerufen werden, weil du nichts mehr essen konntest und dir das Laufen schwer fiel. Blinddarmentzündung. Krankenhaus.
Zwei Wochen warst du dort, mit zwei Schläuchen in der Seite und konntest dich nicht richtig bewegen. Essen war die ersten Tage verboten, dann durftest du etwas trinken. Deine Zimmergenossin war sehr nett. Sie stellte sich vor und erzählte dir, warum sie hier war. Die Unterhaltungen taten dir gut, denn du hattest lange nicht mehr so locker geredet. Doch ihr hattet keine drei Tage, dann wurde sie entlassen. Sie bat dich um deine Nummer, du hast sie ihr gegeben und damit verschwand sie.
Dann lagst du dort. Bekamst eine neue Zimmergenossin, die aber ganz anders war. Mit deinen zarten zwölf Jahren konntest du nicht mit einer Achtzehnjährigen sprechen und so bliebt ihr die meiste Zeit still in euren Betten liegen. Die eine sah fern, die andere las. Dann erhielt sie Besuch und zum ersten Mal in deinem Leben hast du ehrlichen Neid gefühlt. Es schien, als wäre ihre gesamte Familie gekommen, sicher sieben, acht Menschen. Alle brachten sie Blumen mit. Und Zeitschriften und CDs. Waren es zwei oder drei Stunden, die sie in diesem Raum standen und mit deiner Zimmergenossin redeten? Du hattest es verdrängt. Und während sie in der Lage war, aufzustehen und mit ihrer Freundin durch die Gänge zu laufen, bist du in deinem Bett dahinvegetiert. Ab und zu ließen sich deine Eltern blicken, blieben eine halbe Stunde bei dir und gingen wieder. Einmal brachten sie ein Kreuzworträtsel mit, ein anderes Mal ein kleines Plüschtier. Unterhaltungen kamen nicht wirklich zustande. Aus deiner Klasse kam niemand. Nicht einmal die, von denen du dachtest, dass sie dich vermissen würden.
Die Stille wurde zu deinem Verbündeten. Auf der einen Seite wolltest du sie, wolltest für dich alleine sein, auf der anderen hast du sie hassen gelernt. Im Krankenhaus hattest du nur Albträume und wurdest von der Krankenschwester um fünf Uhr morgens geweckt, nur um Fieber zu messen. Mal waren es 42 Grad, mal 39. Danach konntest du nicht mehr einschlafen und hast nur noch geweint.
Ich sehe dich noch vor mir. Du bist entlassen worden und hast das gefürchtete Klassenzimmer das erste Mal wieder betreten. Du hattest gehofft, dass dich zumindest einer vermisste. Doch die meisten riefen dir entgegen, dass du wieder verschwinden solltest. Der Rest behandelte dich wie immer. Als wärst du nie weg gewesen. Da war nur diese Zimmergenossin. Sie hat dich angerufen und ihr habt euch verabredet. Sie hat nur ein paar Dörfer weit weg gewohnt. Sie kannte dich nicht so, wie die anderen dich kannten und in dir glomm ein kleines Feuer aus Hoffnung. Und wie anders sie war. Sie lachte mit dir, ihr hattet die selben Interessen und sie brachte dir ihre Ansichten des Lebens näher. Ihr wart beide jung, aber erwachsener, als so manch anderer. Mit der Zeit wurde sie für dich die einzige Stütze. Ein Mensch, der dich tröstete, dich nicht nach dem Äußeren beurteilte und so viele Dinge mit dir teilte, dass es schon unheimlich war.
Natürlich hast du auch Halt bei anderen gesucht und du warst naiv genug, zu lange an ihnen festzuhalten. Sie haben dich zum Stehlen überredet. Über Monate hinweg bist du durch die Läden geschlichen und hast geklaut, wo es nur ging. Bis die Polizei dich erwischte. Du hast deine einzige Freundin angerufen und geweint. Es war schon spät in der Nacht, doch sie kam zu dir. Kein einziges Wort hat sie damals gesprochen. Sie hat dich einfach in den Arm genommen und dich gehalten, bis zum Morgen. Deine Eltern wussten nicht, dass sie bei dir war. Das wussten sie nie, denn eure Freundschaft war eine heimliche. Du könntest heute keinen Grund dafür nennen, vielleicht war es einfach das Besondere daran. Bevor sie nach dieser Nacht auf ihr Fahrrad stieg, lächelte sie dich an und sagte »Lass den Kopf nicht hängen.« und fuhr los. Du hast ihr nachgesehen und gelächelt.
Es war schön. Eine Freundschaft, von der du glaubtest, sie könnte nie zerbrechen. Und du konntest dich nur mit dem Gedanken an sie oben halten, wenn deine Schritte dich wieder in die Schule lenkten. Oder in die Stadt. Oder auf den Busbahnhof. Denn das Gelächter, die Beschimpfungen und die verzerrten Gesichter waren überall.
In der siebten Klasse erhielten die Schikanen ein System. Eine Anführerin kam in die Klasse, nein, zwei. Die anderen erzählten ihnen, wer du warst. Und schon vom ersten Tag an wussten sie, wie sie dein Herz durchstoßen und es in einen blutenden Klumpen Fleisch verwandeln konnten. In dieser Zeit hast du deine Gefühle verloren. Alle, bis auf Hass. Die Maske ist zu einer zweiten Haut geworden, dein Panzer ist mit dir verwachsen. Die einzige Freundin, die du hattest, war auch die einzige, der du offen gegenüber warst. Trotzdem könntest du heute nicht mehr zählen, wie viele Entschuldigungen du gefälscht und wie oft du Magenschmerzen vorgetäuscht hast, nur, um nicht in die Schule oder zu Sport gehen zu müssen.
Und dann kam die Woche, die du niemals vergessen würdest.
Der Skikurs. Es fiel dir schon schwer genug, jemanden zu finden, der ein Zimmer mit dir teilen wollte. Es gab ein paar Menschen, die angeblich auf deiner Seite waren und die dich aufnahmen, aber sie hatten dich schon so oft enttäuscht, dass du vorsichtig warst. Mit der Busfahrt nach Italien begann der Horror. Ein Bus mit gut 60 Schülern, von denen nur ein oder zwei normal mit dir redeten war keine gute Voraussetzung. Du hast versucht, sie zu ignorieren, hast versucht, zu schlafen oder Musik zu hören. Doch sie rissen dir die Kopfhörer aus den Ohren, fotografierten dich gegen deinen Willen und sobald du auch nur kurz aufgestanden bist, kamen von allen Seiten Beleidigungen. Deinen Vornamen hatten sie sowieso nie gelernt.
Mit der Ankunft zeriss deine Seele nach und nach. Überall wo du hingegangen bist, haben sie Abstand gehalten und angewiderte Rufe von sich gegeben. Am Essenstisch haben sie dir das weggenommen, was du gerne gegessen hättest und dich in Gesprächen ganz einfach ignoriert. Wenn du Tischdienst hattest, haben sie dich wie eine Leibeigene behandelt. Spieleabende waren für sie die beste Grundlage dich auf die Knie zu zwingen. Deine Zimmergenossen haben bei offenen Türen über dich gelästert und dein Name war zu einer Beleidigung für andere geworden. Selbst, als du auf der Piste einen Unfall hattest und halb bewusstlos im Schnee lagst, sind sie lachend an dir vorbeigefahren und du durfest dir später eine Standpauke deiner Lehrerin anhören.
Es hat dir gereicht, stimmt's? Du wolltest das nicht mehr. Alle sagten immer »Rede mit ihnen, das ist sicher alles nur ein Missverständnis« und das wolltest du jetzt wahrmachen. Du bist zu deinem Lehrer gegangen, hast ihm alles erzählt und er hat die beiden Anführerinnen zu sich gerufen. Ein Gespräch fand statt, das aber zu nichts führte. Vor dem Lehrer gaben sie sich ganz anders und sprachen dir allerlei negative Seiten zu, die der Grund dafür sein sollten, dass sie etwas gegen dich hatten. Du hattest so wenig geredet die letzten Jahre, du wusstest nicht, wie du dich verbal wehren konntest, also hast du alles über dich ergehen lassen. Der Rest des Skikurses lief nicht anders ab, die Rückfahrt ebenso. Und als du zuhause angekommen bist, bist du das erste Mal in deinem Leben unter Tränen zusammengebrochen. Du warst alleine in deinem Zimmer, niemand hat es gesehen, niemand sollte es sehen. Schwäche war etwas, das andere nie an dir sehen sollten. Irgendwann hast du dann zum Messer gegriffen und dir die Klinge leicht auf den Arm gedrückt. Du hast deinen Puls durch das Messer gespürt, die Tränen vernebelten dein Blickfeld, dein Körper schien taub und kraftlos. Ein einziger Schnitt. Es war ein sehr scharfes Messer, damit wäre es nicht schwer gewesen, tief ins Fleisch zu dringen und genügend Adern zu durchschneiden. Doch du hast gezittert. Dann hast du zum Telefon gegriffen und deine Freundin angerufen. Es war dir kaum möglich, auch nur ein Wort verständlich hervorzubringen, doch sie sagte »Warte, ich komm' zu dir.«.
Sie klopfte an deinem Fenster und du hast ihr geöffnet. Sie setzte sich zu dir und als sie das Messer sah, begann sie mit dir zu reden. Nicht über Selbstmord und seine Folgen wie es die meisten wohl getan hätten. Nein, sie sprach von ihrem Tag, erzählte, wie sie ihr Zimmer streichen wollte oder welche Kunststücke sie ihrem Hund beigebracht hatte. Und sie lächelte und strich dir über die Wange. Sie nahm deine Hand mit dem Messer darin, schloss die Finger darum und sagte nur »Tu' es oder lass es sein.«
Du hast es gelassen. Und weiter durchgehalten. Als du das Zeugnis der siebten Klasse in Händen gehalten hast, warst du für einen Moment der glücklichste Mensch im Klassenzimmer. Eine Sechs in Mathe. Sitzengeblieben. Du hättest vor Freude heulen können, habe ich nicht Recht? Raus aus dieser Hölle, weg von den Dämonen.
Noch einmal die siebte Klasse, doch das war es dir wert. Am ersten Tag in der neuen Klasse hast du dich auf den selben Platz gesetzt wie im Jahr davor - letzte Reihe links am Gang. Zwei Plätze waren neben dir frei, doch niemand setzte sich zu dir. Ein paar schienen dich zu kennen, anderen tuschelten untereinander. Du hast einfach nichts gesagt und hast ausgeharrt. Irgendwann war jeder Platz besetzt, außer der beiden neben dir. Zwei Mädchen kamen kurz vor Unterrichtsbeginn zu dir und fragten, ob sie sich neben dich setzen dürften. Du hast genickt und dich insgeheim gefragt, ob sie das auch noch getan hätten, wenn woanders Plätze frei gewesen wären. Die Angst, dass alles so werden könnte wie damals fraß dich auf und du hast dich tief ins Schweigen vergraben.
Es kam nicht so wie damals.
Es wurde nicht wie in der Grundschule, bei Weitem nicht, doch die Klasse nahm dich auf. Es war eine neue Erfahrung für dich, durch die Klasse zu gehen, ohne, dass man dir ein »Du stinkst!« hinterherwarf. Du hast wieder gelernt zu reden, wenn auch nicht viel, aber es hat sich gebessert.
Mit dieser einen Freundin zusammen konntest du die Zeit gut überstehen. Im zweiten Skikurs haben sich deine Klassenkameraden sogar Sorgen gemacht, als du wegen der Bindehautentzündung kaum etwas sehen konntest und haben ein paar Worte mit dir an deiner Bettkante gewechselt.
Es wurde nie mehr und nie weniger. Bis heute kommst du gut mit ihnen klar, doch sie wollen dich auch nicht wirklich bei sich haben. Sie setzen sich selten freiwillig neben dich und in Sport sind ihre Mannschaften angeblich schon gebildet, wenn du sie fragst, ob du bei ihnen mitmachen kannst. Du hast dich damit abgefunden.
Die Jahre vergingen, es ging dir wieder etwas besser. Du hast dich gewandelt. Wenn ich dich damals angesehen habe, wie verängstigt und voller Hass du vor mir standest, war ich wütend, weil du so feige warst und dich nicht wehren konntest. Der Hass ist nicht von dir gewichen, aber du hast Mut entwickelt. Mut, so zu sein, wie du es für richtig hältst. Du hast dich niemals wieder der Masse ergeben und du hast gelernt, dich zu verteidigen. Wenn sie dir etwas an den Kopf warfen, hast du gewartet, bis sie alleine waren und hast sie gefragt, was das soll. Sie wussten keine Antwort und du hast ihnen gedroht. Du würdest niemals jemanden schlagen, aber das wussten sie ja nicht. Und manchmal reichte auch nur dein hasserfüllter Blick, um sie zum Schweigen zu überreden. Du warst nicht mehr die von früher. Du bist erwachsen geworden, bevor andere ihre Pubertät überhaupt erreicht haben. Dein Leben kam wieder in geregelte Bahnen.
Du hast jemanden kennengelernt und dich verliebt. Das dachtest du zumindest. Auch wenn du erwachsen geworden bist, so warst du in dieser Beziehung schrecklich naiv. Du hast alles über dich ergehen lassen - auch wenn du nicht wolltest - weil du es für richtig gehalten hast. Du hast ihm deine Unschuld geschenkt und könntest dich noch heute dafür verprügeln, oder? Als er dich nur noch wie einen Gegenstand behandelt hat und sich in eine andere verliebt hatte, ohne es dir zu sagen, wurde es dir genug. Du hast es beendet und kamst dir körperlich so dreckig vor. Auch deine zweite Beziehung ging recht schnell in die Brüche, weil er dich nicht als Menschen sah. Du wolltest keine Liebe mehr, keine Männer. Sie widerten dich an, doch du hast versucht sie einfach zu vergessen.
Alles war wieder in Ordnung, bis zu diesen Worten.
»Ich werde umziehen.«
Sie sagte es dir direkt ins Gesicht. Sie war älter als du, die Schule hatte sie hinter sich gebracht und wollte eine Ausbildung beginnen. Dafür musste sie in die Nähe von München, denn dort hatte sie gute Voraussetzungen durch ihre Verwandten. Die letzten Wochen, die ihr zusammen hattet, behandelte sie dich sehr vertraut. Vertrauter vielleicht, als es gut war. Du wirst niemals diese besondere Nacht vergessen und heute weißt du nicht, ob du sie lieben oder hassen sollst, denn sie ging ohne ein weiteres Wort. Keine Adresse, keine Nummer. Sie ließ dich alleine. Ohne Grund. Wie all die anderen. Gut dreieinhalb Jahre waren vergangen seit dem Gedanken an Selbstmord und du dachtest schon wieder daran. Eine Lüge, mehr bedeutete das Leben nicht mehr für dich. Du hast angefangen, deine Schultern, dein rechtes Bein, deine Hüfte aufzuschneiden. Du wolltest die seelischen Schmerzen durch körperliche wieder loswerden. Du wolltest etwas fühlen. Alle Gefühle konntest du wieder abstellen. Wenn du geweint oder gelacht hast, konntest du im nächsten Moment wieder völlig normal erscheinen. Doch Schmerzen ließen sich nicht abstellen und das tat dir gut, nicht wahr? Ich sehe dich, wie du in deinem Bett kauerst, die Rasierklinge in der zitternden Hand und das warme Blut auf der Haut spürend. Du hattest schon fast wieder aufgegeben.
Doch da war jemand.
Du hattest sie durch eine andere Internetbekanntschaft kennengelernt. Ihr kanntet euch gut zwei Jahre, davon eines näher, doch bisher hattest du das ganze eher als eine sehr gute Bekanntschaft gesehen. Vor allem, weil du nicht wahrhaben wolltest, jemals wieder eine Freundschaft pflegen zu können. Dieser Mensch hielt dich vom Selbstmord ab. Und vom SVV. Sie war körperlich nicht bei dir, aber sie sprach dir Mut zu und du könntest heute nicht mehr zählen, wie oft sie dir gesagt hatte, dass du ein wertvoller Mensch bist. Der Unterschied war, dass sie es nicht dahersagte, sondern es dir immer wieder bewies. Wenn du bei ihr warst, dann hat sie dich minutenlang in den Arm genommen und dir durch die Haare gestreichelt. Sie hat es dir anvertraut, wenn es ihr schlecht ging und sich für jedes Gespräch bedankt und genauso hat sie deine Probleme ernst genommen. Es war neu, aber wunderschön. Sie war der erste Mensch, den du nach der großen Lüge wieder als Freund bezeichnen konntest.
Es dauerte nicht lange. Es war etwa eine Woche nach deinem siebzehnten Geburtstag, als eine Nachricht in deinem Postfach lag - von einer Person, die du erst sehr kurze Zeit kanntest und das nicht einmal sonderlich gut. Doch diese Nachricht beinhaltete neben vieler aufmunternder Worte einen Teil ihrer Lebensgeschichte. Sie sagte, sie wolle die Distanz zwischen euch aufheben. Nebenher wurde der Kontakt mit dem einzigen männlichen Freund, den du heute sehr gerne an deiner Seite weißt, wieder stärker. Zwei Bekanntschaften, die sich schneller als so viele andere Dinge, in Freundschaften verwandelten. Es dauerte eine Weile und es musste erst ein Treffen stattfinden, aber danach konntet ihr euch sicher als Freunde bezeichnen. Es gibt heute nicht viele Menschen, die sich durch deine Mauer schlagen können. Dein Lehrer sagte einmal, dass man sich als der glücklichste Mensch der Welt fühlen konnte, wenn man auch nur einen wahren Freund hat. Und du hattest drei. Und jeder tat dir auf seine ganz eigene Art und Weise gut. Einer nahm dich in den Arm und hielt dich solange fest, wie du es nötig hattest, machte Späße und versuchte immer, dir ein Lächeln abzuringen. Einer konnte dich stundenlang festhalten und du konntest jedes Gefühl mit ihm teilen, egal ob Trauer, Wut oder Freude. Er hörte dir zu. Und einer sprach mit dir über einfach alles, sah das Leben objektiv, half dir, wo er nur konnte und gab dir zu verstehen, dass bei ihm die kleinen Dinge als Freundschaftsbeweise anzusehen sind.
Keiner von ihnen lebt heute in deiner Nähe, sie sind alle einige hundert Kilometer weit weg, aber dennoch würdest du für diese Menschen alles aufgeben was du hast. Was hältst du da in deiner Hand? Ein Halstuch? Ein kleines Säckchen mit Kieselsteinen? Was ziehst du da unter deinem Shirt hervor? Drei Ketten? Du lächelst und ich weiß, dass das deine wichtigsten Besitztümer sind und du sie für noch so viele Millionen nicht eintauschen würdest. Ich frage dich, ob du glücklich bist und du nickst und in deinen Augen erkenne ich einen schwachen Glanz von Tränen. Aber nicht die Tränen, die du so viele Jahre vergossen hast, sondern welche aus Freude und Glück.
Ich sehe dich an und sehe einen Menschen, der den ganzen Tag vor dem PC sitzt und kaum nach draußen kommt. Ich sehe den Schmerz der Einsamkeit in dir, so wie du dich von der Welt abgewandt hast, sehe dich auf deinem Stuhl kauern in Erwartung, dass jemand dich in ICQ anspricht. Aber ich sehe dich auch, wenn deine Freunde bei dir sind. Deine Eltern haben dich ganz überrascht angesehen, als du auf einmal so viel geredet hast, nicht wahr? Sie sehen dich so gut wie nie lächeln und noch seltener reden. Aber bei diesen Treffen bist du kaum zu halten.
Ich sehe den Stolz in deinen Augen. Nicht mehr den der Grundschule, sondern einen, der den Sieg über deine alte Klasse zeigt. Über die Lüge. Über alles. Und ich sehe, dass du weiterkämpfen wirst. Du hast Ängste davongetragen. Du kannst dich nicht vor die Klasse stellen, ohne wieder diese Fratzen zu sehen. Du kannst viele Noten in Sport nicht machen und musst dich mit den Lehrern herumschlagen, die dich dazu zwingen wollen. Du kannst dich alleine nicht unter Menschenmassen aufhalten. Zumindest nicht, ohne in Tränen auszubrechen oder zusammenzuklappen. Aber du weißt, dass nach der Schule alles besser wird und dass du weiterhin gegen deine Ängste kämpfen wirst und sie eines Tages vergessen sein werden.
Ich sehe dich noch einmal an, streiche dir eine Haarsträhne hinters Ohr und lächle dir ermutigend zu, bevor ich meinen Blick vom Spiegel abwende und aus dem Badezimmer gehe, um einen neuen Tag zu beginnen.
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